Strava Tagebuch

Es ist nur bedingt möglich die Umstände eines 24h Radrennen in angemessene Worte zu verpacken. Wagen wir aber einen Versuch mit einem Blick auf die einfachen Eckdaten:

Das Rennen: 24h Rad am Ring ist eines der größten Radsportevents in Deutschland und die Nordschleife – auch die „grüne Hölle“ genannt - eine der berühmtesten Rennstrecken der Welt.
Die Zahlen: 24 Runden, 626 km in 23:31 Stunden mit ca. 12000 Höhenmetern, ca. 14.000 kcal
Das Ergebnis: Platz 5 insgesamt von knapp 500 Starten
Das Zitat zum Rennen: „Es macht Spaß wie Achterbahnfahren, aber es ist sehr, sehr, sehr lang und man muss seine Karre halt jedes Mal selber wieder hochschieben“

Versuchen wir diese auch vom emotionalen Standpunkt als Achterbahnfahrt zu charakterisierende Leistung noch weiter nachzufühlen: Der Anfang ist leicht und die Kraft voll da. Das Wetter ist gut und die Strecke beeindruckend. Nach 6 Stunden schwinden dann aber die sonst vertrauten Kräfte und eigentlich ist man dann überzeugt, dass 10 Runden eine respektable Leistung sind bei der man auch aufhören kann. Man liegt ja aber gut Klassement, also geht es (einfach) weiter. Die Leistung ist körperlich bei knapp über 3 Watt/kg dann gedeckelt, aber die „Hohe Acht“ mit ihren 16% verlangt mehr. Man sammelt also fast 20km so gut wie möglich Kraft, um nicht selber zu den armen Tröpfen zu gehören die da hochschieben müssen. Der erste Stopp erfolgt nach ca. 8h mit wenigen Minuten Verschnaufpause. Der Magen leidet zu dem Zeitpunkt gerade am meisten. Trinken geht fast zu gut, ständig sind Pinkelpausen notwendig. Die dann folgende Nacht ist noch spezieller. Weniger Fahrer sind auf der Strecke, da wohl doch einige „Luschen“ Schlafpausen machen. Die Strecke ist überwiegend stockdunkel und man jagt – zumindest bergab auch immer noch sehr zügig mit 60-70km/h – einzelnen roten Rückleuchten hinterher. Kurze Pausen erfolgen hier alle 2-3 Runden zum nachtanken an Riegeln, Gels und Sportgetränken. Kontinuierliche Energiezufuhr ist der Schlüssel. Müdigkeit ist nur selten in der tiefsten Nacht ein Problem, denn die anspruchsvolle Strecke lässt einen gedanklich (zum Glück) nie abschalten. Genau diese anspruchsvolle Strecke lässt einem zu diesem Zeitpunkt die Bezeichnung „grüne Hölle“ dann auch sehr direkt und unmissverständlich nachfühlen. Der Sonnenaufgang läutet das Finale ein – waren ja auch nur noch 8 Stunden. Man glaubt langsam (wieder) daran auch tatsächlich durch das Ziel fahren zu können. Es wird heißer. Haltemuskulatur und Handballen schmerzen zunehmend. In den letzten 3 Runden schmerzen auch die Knie durch Überlastung und ein Endspurt muss daher ausfallen. Und dann fährt man plötzlich unter dem riesigen Zielbogen durch und es ist einfach vorbei und geschafft. Es bleiben einem aber „glücklicherweise“ noch mindestens 24 weitere Stunden bleierne Erschöpfung und noch etwas länger Muskelkater. So hat man also länger etwas davon.

Ob diese Beschreibung eine Motivation oder Abschreckung darstellt, muss jeder selbst beurteilen. Mit der Überlegung welche Tätigkeit man sonst überhaupt mal 24 Stunden ununterbrochen durchgezogen hat (Schlafen? Feiern? Arbeiten?), bleibt aber letztlich die Erkenntnis eine besondere physische und psychische Herausforderung erfolgreich abgeschlossen zu haben und hinterlässt ein himmlisches Glücksgefühl.

Hendrik Eggers